Warum werden potentielle Patienten von Arztpraxis abgelehnt?

Gesundheitsreform, Bürgerversicherung, Kopfpauschale, usw.

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=Stephan=
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Warum werden potentielle Patienten von Arztpraxis abgelehnt?

Beitragvon =Stephan= » 26.08.2010, 11:53

Hallo,

Und zwar kann ich folgenden Sachverhalt in unsere Gesundheitspolitik nicht verstehen und benötige Aufklärung.
Ich wohne seit einigen Jahren in Dresden und wenn ich zum "allgemein" Arzt muß (ca. einmal im Jahr wg Erkältung oder ähnliche Kleinigkeiten) geht für mich die Rennerei los. Jeder Arzt in meine Wohngegend sagt: "Wir sind voll, ich nehm keine neuen Patienten. Wer ist den ihr Hausarzt?"
Warum können es sich Arztpraxen leisten keine Patienten anzunehmen? Okay bei mir ist nicht zu viel zu verdienen, weil ich Kerngesund bin. Aber Kunde bin ich nun mal trotzdem, oder? Wie kann eine Arztpraxis voll sein?

Nun will ich mir einen "Hausarzt" in Dresden suchen, aber wie wenn niemand mich will? Ich wurde gerade ab gerade von einer Praxis abgelehnt mit dem Satz: "Wir sind fast voll, versuchen Sie einen Arzt in Ihrer Wohngegend zu finden!"

PS: bisher habe ich mich bei den Ärzten mit dem Spruch: "Ich will nicht das Sie mein Hausarzt werden! Ich will nur kurz zum Arzt, Medikamente und dann komme ich nie wieder." durchgeschlagen. Doch eine Dauerlösung ist das auch nicht weil ich schon so mindestens 5 Ärzte durch habe.

Bjoern81
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Beitragvon Bjoern81 » 26.08.2010, 12:04

Die Antwort ist simpel. Die Ärzte können es sich eher nicht leisten noch mehr Patienten aufzunehmen, da die Kapazitäten restlos erschöpft sind.

Bei richtigen Notfällen ist der Arzt verpflichtet eine Behandlung vorzunehmen.

=Stephan=
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Beitragvon =Stephan= » 26.08.2010, 13:12

1. Bsp:
Folgendes ist anfang des Jahres passiert:
Es ist Samstag und mir ging es nicht so gut. Also Interent an, gesucht welche Arzt auf hat. Okay die Ärztin über die Straße hat bereitschaftsdienst. Wunder bar dachte ich mir geh ich hin. Es war niemand im Wartesaale. Toll dachte ich, so könnte es öfters laufen. Ja bis ich dann der Dame an der Rezeption mein Problem schilderte. Sie meinte: wir sind nicht der Hausarzt also keine Behandlung außer Notfälle und das sind sie nicht!" Trotz Bereitschaftsdienst, trotz leerem Wartezimmer, Sie wusste weder ob PKV oder GKV bzw. welche Kasse. Wie will man diese Abweisung mit Kapazitäts engpässen begründen?

2. Bsp:
Ich suche zur Zeit einen Arzt der meinen Impfstatus gegenüber meiner Krankenkasse bestätigt (Teil des Bonusprogrammes). Das dauert nicht ewig und ich muß nicht mal den Arzt dazu sehen. Selbst den Impfpass für einen Tag dort lassen wäre ja nicht das Problem. Oder Termin in 2 Wochen. Doch was gibt es da am Telefon zu hören "nein wir sind voll". Wie will man diese Abweisung mit Kapazitäts engpässen begründen?

Wenn ich ohne Termin komme und kein Stammpatient bin, dann habe ich doch verständniss dafür wenn ich solange warten muß. Aber dann ist es doch auch für mich so unerträglich das ich zum Arzt möchte.

Knackwurst
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Beitragvon Knackwurst » 26.08.2010, 15:27

Schildern Sie das Problem Ihrer Krankenkasse. Gute Kassen helfen Ihnen.

z.B. http:link-vom-mod-entfernt.cm

Czauderna
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Beitragvon Czauderna » 26.08.2010, 19:19

Knackwurst hat geschrieben:Schildern Sie das Problem Ihrer Krankenkasse. Gute Kassen helfen Ihnen.

z.B. http:link-vom-mod-entfernt.cm


Hallo,
bischen plump, oder ??
Dein erster Satz mag schon stimmen, aber der Link war wohl überflüssig oder weisst du das die Fragestellerin Mitglied der TK ist. Wenn nein, wass soll sie damit, ausser auch den Versuch von dir zu sehen Werbung für diese Kasse zu machen.
Gruss
Czauderna (du weisst wo ich arbeite)

Cassiesmann
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Beitragvon Cassiesmann » 26.08.2010, 20:01

Ich schließe mich Günt(h)ers Meinung an und hab den Link editiert.

DKV-Service-Center
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Beitragvon DKV-Service-Center » 26.08.2010, 20:17

Hallo Stephan,
das kann man nur verstehen wenn man die Möglichkeit hat sich einmal mit dem Arzt zu unterhalten um ein wenig vom Abrechnungssystem zu erfahren.
Folgender Sachverhalt:
ein Arzt bekommt erst enmal kein Geld sondern Punkte. Für die Punkte ist ein Betrag x hinterlegt, Geld :-) das Geld für ganz Deutschland ist festgelegt. und jetzt Rechnet jeder Arzt seine Punkte ab, erst am Ende einer Abrechnungsperiode
erfährt der Arzt was ein einzelner Punkt wert ist.
Wenn er jetzt also sagen wir 1000 Punkte hat, das Quartal ist fast zu ende und er weiss das er je Punkt 1 Euro bekommt jetzt kommen am ende des Quartals viele neue Patienten so das er nocheinmal 1000 Punkte erhält. Bei der Quartalsabrechnung erhält er jetzt aber je Punkt nicht mehr 1 € sondern und das ist das perverse nur noch 0,45 Cent das heißt er bekommt nur noch 900 Euro, wo er doch schon vor deiner Behandlung
1000 Euro hatte,
Was würdest du tun ?
Gruß
Das ganze ist sehr stark verallgemeinert und überspitzt ich möchte damit aber zum Ausdruck bringen das ich nicht den Ärzten die Schuld für die Miesere gebe sondern der Politik.

Lord Dragon
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Beitragvon Lord Dragon » 26.08.2010, 21:27

@DKV-Service-Center
Der Arzt wusste auch zum Ende des Quartals nicht was er für einen Punkt bekommt.

Das System wurde umgestellt. Jeder Arzt bekommt Regelleistungsvolumenpauschale und qualifikationsgebundenen Zusatzvolumen.

@Stephan
Ärzte kriegen Fallzahlen (Patientenzahlen) in Ihren Bescheiden mitgeteilt.
z.B. liegt die durchschnittliche Fallzahl in Sachsen für Fachärzte für Allgemeinmedizin bei 911 Patienten pro Quartal. Für jeden Patient kriegt man RLV-Pauschale von 39,42 EUR. Aber nur für 1366 Patienten (150% von der Fallzahl). Ab 1367 Patienten wird nur 75% von 39,42 EUR vergütet. Die Vergütung sinkt aber immer weiter bis 9,85 EUR.

Das Problem ist, dass Ärzte dann ab dem 1367 Patienten nicht mehr behandeln möchten, weil es sich oft nicht mehr lohnt. Dann sagt man einfach, dass man keine Patienten mehr aufnimmt, weil man sehr oft schon mit Stammpatienten die Zahl von 1367 Patienten überschreitet.

Außerdem sind ja Arzneikosten auch begrenzt und bei Überschreitung werden die Ärzte in Regress genommen. Wenn ein Arzt weiss, dass er von dem Arzneimittelbudget nicht mehr viel hat und nächste Woche haben Stammpatienten Oma Gertrud und Opa Helmut schon einen Termin, dann kann ein Arzt keinen neuen Patienten mehr gebrauchen.
Zuletzt geändert von Lord Dragon am 26.08.2010, 21:33, insgesamt 1-mal geändert.

=Stephan=
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Beitragvon =Stephan= » 26.08.2010, 21:31

@DKV-Service-Center
Ich versuch das mal Mathematisch auszudrücken:

3 Ärzte behandeln für 100 TEuro im Quartal Patienten=100%=100 Punkte

Arzt A: 55 Punkte
B: 30 Punkte
C: 15 Punkte

Also bekommt der Arzt am Quartalsende:
A = 55 TEuro
B = 30 TEuro
C = 15 TEuro.
Hinweis: ich bin mir sicher das die Summen nichts mit der Realität zu tun haben. Dies ist nur ein Zahlenbeispiel meiner Fantasie!

Also ist das Ziel der Ärzte möglichst viele Punkte zu sammeln. Nun geh ich mal davon aus das je nach Krankheitsbild, Dauer der Behandlung etc die Punkte verteilt werden. je schlimmer die Krankheit desto mehr punkte gibt es. Wenn das so (vereinfacht) dargestellt stimmt, dann weiss ich jetzt warum ein Arzt in der Stunde lieber 6 schwer Kranke behandelt als 5 schwer Kranke und mich (mit einer Erkältung). Denn ich bringe ihm weniger Punkte ein.
ABER wenn eh keiner im Wartesaal sitzt bzw. kein Patiententermin ansteht? Dann sagt sich der Arzt ich verzichte auf den Punkt und mache lieber ne Pause! So nach dem Motto: für die paar Kröten mach ich mir nicht den Buckel krumm.

Vielen dank für diesen Einblick in unser "feines" Gesundheitssystem.
Nun stell ich mir die Frage: Läuft das bei privat versicherten in einem ähnlich system ab?

Fazit 1: nur in Flensburg zahlt man mehr für die Punkte
Fazit 2: ich will zum Tierarzt! Dort zahle ich, dass was behandelt wurde (ich weis das dieser gedanke ist nicht sozial)

einen schönen Abend euch allen
Stephan

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Beitragvon =Stephan= » 26.08.2010, 21:40

@Lord Dragon

Idee für neuen Service:
im Internet auf einem Portal die aktuellen Patientenzahlen veröffentlichen. Dann weiss jeder ob es sich lohnt bei diesem Arzt anzurufen und um einen Termin zu betteln oder nicht. Das spart dem Patienten und der Dame am Telefon Zeit und nerven. Darüber hinaus an der Eingangstür einen Zähler der Rückwärtsläuft und bei 0 wird Praxis geschloßen!

Oder noch verrückter Auktion bei Ebay:
"Arzttermin, Allgemeinmedizin, 1.9.10 9Uhr, Sofort Kauf 10 Euro, noch 200 freie Termine" :-)

Lord Dragon
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Beitragvon Lord Dragon » 26.08.2010, 21:41

=Stephan= hat geschrieben:Nun stell ich mir die Frage: Läuft das bei privat versicherten in einem ähnlich system ab?

Nein. Wenn man privat versichert ist, dann kriegt man eine Rechnung nach der Gebührenordnung für Ärzte. z.B.
Einfache Beratung 10,72 EUR
einfache Symptombezogene Untersuchung 10,72 EUR
Blutentnahme mittels Spritze, Kanüle oder Katheter aus der Vene 4,19 EUR usw. Jede Leistung wird vergütet. Es gibt keine Pauschalen und keine Budgetierung.

Der Arzt kriegt sein Geld, der Patient kriegt aber möglicherweise nicht alles von seiner Versicherung erstattet.
Zuletzt geändert von Lord Dragon am 26.08.2010, 21:50, insgesamt 1-mal geändert.

Lord Dragon
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Beitragvon Lord Dragon » 26.08.2010, 21:45

=Stephan= hat geschrieben:@Lord Dragon

Idee für neuen Service:
im Internet auf einem Portal die aktuellen Patientenzahlen veröffentlichen. Dann weiss jeder ob es sich lohnt bei diesem Arzt anzurufen und um einen Termin zu betteln oder nicht. Das spart dem Patienten und der Dame am Telefon Zeit und nerven. Darüber hinaus an der Eingangstür einen Zähler der Rückwärtsläuft und bei 0 wird Praxis geschloßen!

Oder noch verrückter Auktion bei Ebay:
"Arzttermin, Allgemeinmedizin, 1.9.10 9Uhr, Sofort Kauf 10 Euro, noch 200 freie Termine" :-)

Das darf ein Arzt nicht. Deswegen sagen die Ärzte ja auch nicht die Wahrheit, sondern erzählen irgendwelche Geschichten. "Zu viele Patienten", "Termine sind alle vergeben" usw.

Lord Dragon
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Beitragvon Lord Dragon » 26.08.2010, 21:55

=Stephan= hat geschrieben:Also ist das Ziel der Ärzte möglichst viele Punkte zu sammeln.

Ziel ist eine Zahl von Patienten zu behandeln, für die man 100% Vergütung bekommt.

=Stephan=
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Beitragvon =Stephan= » 26.08.2010, 21:58

@Lord Dragon

nicht dürfen und nicht machen ist ja noch ein Unterschied...
Mir würden noch weitere Vermarktungsmöglichkeiten für Arzttermine einfallen aber ich belasse es dabei.
Auch über die Fallzahlen zu diskutieren bringt mir nicht mehr wissen, also lass ich das ebenfalls sein.

Vielen vielen dank für die Klarstellung, ich werde das bei meinen nächsten Arztgängen berücksichtigen.

Machts gut und Bleibt gesund!!!
Stephan

RHW
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Beitragvon RHW » 27.08.2010, 09:52

Hallo,

hier noch der § 87b SGB V mit den gesetzlichen Vorgaben:

http://bundesrecht.juris.de/sgb_5/__87b.html

Im Übrigen hat die Kassenärtzliche Vereinigung (des jeweiligen Bundeslandes) den gesetzlichen Auftrag sicherzustellen, dass jeder Kassenpatient die notwendige Behandlung erhält:
http://www.kvs-sachsen.de/buerger/
Vielleicht beim nächsten Mal vor der Arztsuche direkt die KV anrufen.

Manchmal gibt es auch große Unterschiede zwischen Quartalsanfang und Quartalsende.

Gruß
RHW


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